14. Tag

Schon am Morgen führte die Schlange vor dem Eingang des Domes um das halbe Gebäude herum. Letztendlich standen wir aber nur etwa 45 Minuten an, bis wir die Tür erreicht hatten. Die Besichtigung des vergleichsweise karg ausgeschmückten Innenraums der Kathedrale Santa Maria del Fiore ist kostenlos. Zusehen sind der Marmorboden, bunte Fenster und einige wenige Gemälde und Stuckelemente. Die riesige Kuppel, mit 45 m Durchmesser ein Meisterwerk der Frührenaissance des Baumeisters Filippo Brunelleschi, ist allerdings komplett mit einem imposanten runden Fresko verziert. Mit 4.000 m2 Fläche ist es das größte der Welt zu einem christlichen Thema. Der Künstler Giorgio Vasari wollte damit Michelangelos „Jüngstes Gericht“ in der Sixtinischen Kapelle des Vatikan in den Schatten stellen. Allerdings integrierte er Hunderte von Figuren in sein Werk, die in 107 m Höhe nur schwer zu erkennen sind. Als Vasari 1574, vier Jahre nach Beginn der Arbeiten starb, vollendete Federico Zuccari in weiteren fünf Jahren das monumentale Fresko. Dabei unterliefen ihm jedoch einige Fehler. So bekam zum Beispiel ein Esel die Beine eines Bären und umgekehrt, was vom Boden aus jedoch nicht zu bemerken ist.

Mit einem Kombiticket für 18 Euro kann man ergänzend zur Kathedrale selbst das Dommuseum in der Krypta, das Baptisterium und auch den Panorama-Umlauf der Domkuppel besuchen, erreichbar über eine Treppe mit 463 Stufen. Der Umlauf war jedoch an der Kasse des Dommuseums schon für die nächsten drei Tage ausgebucht, während die wohl organisierte „Ticket-Mafia“, die sich in dunkle Anzüge gekleidet den Anschein eines seriösen Touranbieters gab, draussen Eintrittskarten für den sofortigen Besuch zum doppelten Preis anbot. Als ich die junge Dame an der Kasse danach fragte, zuckte sie nur die Achseln und meinte da könne man nichts machen. Sie verkaufe die Karten ohne Limit und wenn ich 100 Exemplare für den nächsten verfügbaren Tag habe wolle, würde sie sie mir geben. Das erinnerte mich an die Machenschaften rund um die Permits für die Pirschfahrten im indischen Ranthambore-Nationalpark.

Nach kurzer Zeit verließen wir den Dom wieder. Er ist nach dem Petersdom in Rom und dem Mailänder Dom die drittgrößte Kathedrale Italiens und die viertgrößte Europas (Platz 3 belegt St Paul’s Cathedral in London). Als 1296 in Florenz der Beschluss zu seinem Bau fiel, sollte der Dom ein schon aus weiter Ferne zu erkennendes Monument mit den beeindruckendsten Ausmaßen der gesamten Toskana sein und die Kathedralen von Pisa, Siena und auch Venedig in den Schatten stellen. Tatsächlich ist der Dom so groß, dass man ihn vom Rand der Piazza del Duomo garnicht ganz aufs Bild bekommt. Aus der Nähe betrachtet sind allein die unzähligen Figuren und Details der Westfassade aus dreifarbigem Marmor sehr beeindruckend. Wer wenig Zeit hat, sollte den Dom daher besser genauer von außen betrachten und auf das Schlange stehen für den Besuch des Innenraums verzichten.

Wir gingen dann weiter zur Chiesa di Santa Croce. Auf dem großen Platz davor fand gerade die Anmeldung für einen 6 km-Lauf am nächsten Tag statt, organisiert von einem Radiosender und mit einem Sponsorenmarkt daneben. Am 24. Juni, dem Johannestag zu Ehren des Schutzpatrons von Florenz, ist Piazza di Santa Croce zudem Schausplatz des Calcio Storico, einer ruppigen Mischung aus Fußballspiel und Ringkampf mit 54 Akteuren in aufwendigen historischen Kostümen.

Im Eintritt von 8 Euro für die Kirche ist auch der Besuch des Klostermuseums inbegriffen. Die prächtige Fassade von Santa Croce ähnelt der Westfront des Doms. Die Innenaustattung ist aber wesentlich aufwendiger, sie umfasst neben Fresken von Giotto und anderen Künstlern auch die Grabmäler eines guten Dutzends berühmter italienischer Persönlichkeiten. Dazu gehören der florentinische Dichter Dante Alighieri und der Politiker und Machtstratege Niccolo Machiavelli ebenso wie Galileo Galilei und Michelangelo Buonarroti. Dieser war in Rom gestorben und sollte nach Anweisung von Papst Pius IV auch dort bestattet werden. Die Florentiner schmuggelten den Leichnam des in der Toskana geborenen Künstlers und Baumeisters aber mit Unterstützung seines Neffen in ihre Stadt. Die Schirrmherrschaft für den Bau des auch von Giorgio Vasari entworfenen Grabmonuments übernahm dann Cosimo I de Medici persönlich.

Ein Museumsführer in den Uffizien hatte am Vortag vor einem Galilei-Porträt eine verblüffende zeitliche Analogie aufgestellt: Michelangelo starb 1564, also in dem Jahr in dem Galilei geboren wurde. Beide sind in Santa Croce in genau gegenüberliegenden Gräbern beigesetzt. Als Galilei dann 1642 starb, erblickte in England Isaac Newton das Licht der Welt. Und auch zu den USA gibt es eine Verbindung. Zur Gedenkstätte für den Dichter Giovan Battista Niccolini gehört die Statue „The Liberty of Poetry“, eine kleine Vorläuferin der Lady Liberty im Hafen von New York.

Den Grundstein der Kirche soll Franz von Assisi selbst gelegt haben. Ganz in seinem Geiste war das Kloster Santa Croce im 13. Jh. in einer armen Gegend der Stadt gegründet worden, die tiefer lag als die Ufer des Arno. Deshalb kam es immer wieder zu verheerenden Überschwemmungen, die die Gebäude bis zu fünf Meter hoch unter Wasser setzten und dabei viele Fresken und andere Kunstwerke beschädigten. Die jüngste Flut 1966 zog unter anderem das wertvolle Kruzifix Cimabues, das der Lehrmeister Giottos im 13. Jh. auf eine 4 x 4 Meter große Holztafel gemalt hatte, in Mitleidenschaft. Die Restaurierung dauerte zehn Jahre und gelang nicht vollständig. Seit 1950 gehört auch eine Werkstatt für das Lederhandwerk zum Kloster, die die Franziskaner mit dem Familien Gori und Casini gründeten, um Waisenkindern eine Ausbildung zu ermöglichen. Das Konzept besteht bis heute und die hochwertigen Lederwaren kann man gleich vor Ort kaufen.

Den Grundstein der Franziskaner-Kirche Chiesa di Santa Croce in Florenz soll der Heilige Franz von Assisi selbst gelegt haben.

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