2. Tag

Nach dem Frühstück machten wir mit Diakon Thomas eine einstündige Führung durch das vor 30 Jahren eröffnete Zentrum. Es gibt dort Ausbildungsstätten für Schneider, Bäcker, Schweißer und Schreiner sowie eine orthopädische Schusterei. Die Krankenstation der kirchlichen Einrichtung behandelt zum Beispiel Klumpfüße nicht mehr mit Operationen, die in Afrika einfach zu viele Komplikationen verursachen, sondern mit Gipsverbänden, die im Kleinkindalter die Fußstellung allmählich korrigieren können. Inzwischen findet diese sanfte Methode sogar in Europa und den USA Anwendung. Thomas erzählte, er habe auch gerade mit dem Kind einer Massai zu tun, das geistig behindert sei und das der Vater deshalb töten wolle. Früher sei ein solches Vorgehen bei dem Hirtenvolk üblich und für die nomadische Lebensweise vielleicht auch sinnvoll gewesen, inzwischen aber längst auch in Tansania verboten. Stattdessen müsse man den Vater vom Wert seines Nachwuchses überzeugen und auch den Dorfältesten, den örtlichen Pfarrer und andere über das Kind informieren, so dass es der Vater nicht mehr einfach verschwinden lassen kann. Grundsätzlich meinte der Diakon aber, dass er den Tansaniern nicht zeigen wolle, wie man dieses oder jenes richtig macht, sondern zusammen mit ihnen im Team Dinge erarbeiten. Die zum Zentrum gehörende Landwirtschaft sei jedoch inzwischen verpachtet, denn man habe unter anderem festgestellt, dass die privat gehaltenen Kühe, und noch vor ein paar Jahren habe quasi jeder irgendwie eine Kuh besessen, deutlich mehr Milch gaben als die Tiere des Zentrums. Dieses wird derzeit erweitert, aber in Tansania spare man nicht erst und baue dann, sondern fange einfach an und mache eine Pause, wenn das Geld ausgegeben ist. Dann sammle man wieder und baue anschließend weiter. Andernfalls würde die Inflation zuviel vom Ersparten auffressen, bevor man mit dem Bau überhaupt begonnen habe.

Einen guten Eindruck hat Thomas vom Staatspräsidenten John Magufuli, der derzeit hart gegen die allgegenwärtige Korruption durchgreife und dabei auch vor Vertrauten nicht halt mache. Ein Problem seien aber die Chinesen, die als Investoren im Land fast allgegenwärtig wären. Im Straßenbau würden sie beispielsweise indonesische Strafgefangene einsetzen und sehr schlecht behandeln.

Um kurz vor 12 Uhr standen wir dann wieder vor dem Ngongongare-Gate des Arusha-Nationalparks. Heute fuhren wir die Hauptstraße entlang, die an der kleinen Serengeti, einer großen Waldlichtung mit meist vielen Tieren, vorbei führt. Dort konnten wir am Wegesrand eine Horde Paviane beim Fressen und die Kleinen beim Spielen beobachten. Kurz vor dem Momella-Gate bogen wir anschließend nach links zum Hang des Mount Meru ab. Über eine kleine Brücke gelangten wir zunächst zum Abzweig zum Tululusi-Wasserfall. Die Wanderung dorthin war aber nur mit Rangerbegleitung möglich, da man dabei eine Savanne mit einem kleinen Bach durchqueren musste. Wir sahen zwar nur ein paar Giraffen, dort sollen sich aber auch häufig die deutlich gefährlicheren Büffel aufhalten.

Wir fuhren also weiter geradeaus, durch einen üppig-tropischen Bergwald hinauf zum Fig Tree Arch, einem gigantischen Feigenbaum mit einer großen Öffnung in seinem mächtigen Stamm, durch das die Piste hindurchführt. Als wir noch weiter oben den kleinen Mayo-Wasserfall erreicht hatten, machten wir dort eine kleine Pause. Die Piste war zwar streckenweise mit Panzerplatten ausgelegt, wurde aber zunehmend schlechter. Auch aufgrund der fortgeschrittenen Zeit fuhren wir nicht mehr weiter zum Kitoto-Aussichtspunkt auf 2.600 m Höhe, zumal das Wetter recht diesig und die Sicht entsprechend schlecht war. Auf dem Weg zurück ins Tal konnten wir dann noch eine weitere Pavianhorde durch die Wurzeln und Äste neben der Piste klettern sehen.

Am Nachmittag erkundeten wir die Momella-Seen aus der Nähe. Besonders viel Zeit ließen wir uns am Big Momella Lake mit unzähligen Flamingos. Die Vögel wateten wie nach einer unsichtbaren Choreographie in größeren Gruppen in entgegengesetzter Richtung mit gesenkten Köpfen langsam durch das Wasser, um es mit ihren Schnäbeln nach Nahrung zu filtern. Auch direkt am Ufer standen viele Flamingos, diese wichen aber sofort zurück, sobald sie uns bemerkten. Als letzte Station besuchten wir den Aussichtspunkt am Small Momella Lake mit vielen Enten und anderen Wasservögeln sowie drei Nilpferden, die vor einer weit im Wasser liegenden kleinen Insel auftauchten, per Fernglas aber deutlich zu erkennen waren.

Auf der Rückfahrt wollte an beiden Toren niemand unser Permit sehen, und zum Abendessen steuerten wir das edle River Trees Country Inn an, das uns Thomas empfohlen hatte. Die Anlage war sehr schön und geschmackvoll angelegt, auch das Essen war hervorragend, nur die Angebotstafel am Eingang war etwas irreführend. Dort stand „Menu of the day“ und dazu ein Preis. Auch in der Karte war das Menü auf einer Seite aufgeführt, jedoch ohne Preisangabe. Laut Rechnung sollte es dann später mehr als Dreifache dessen kosten, was auf der Tafel gestanden hatte. Dort habe man nur den Hauptgang aufgeführt, erklärte man uns. Wir erwiderten, dass man unter einem Menü aber immer mehr als einen Gang verstehe. Letztendlich einigten wir uns dann aber bei der Rechung auf einen Kompromiss und der Küchenchef wollte zukünftig lieber „Offer of the day“ auf die Tafel schreiben.

Die Piste den Hang des Mount Meru hinauf zum Tululusi-Wasserfall führt durch dichten Urwald.

One thought on “14. November 2016 – Arusha-Nationalpark

  1. Ich liebe deine leicht ironischen
    Schilderungen über die Beziehungen
    zwischen Einheimischen und dir als
    Tourist (Beispiel Menü ), aber auch
    die sehr informativen
    Hintergrunddetails über das Land
    (Beispiel Klumpfuß und Chinesen).

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