2. Tag

Nach einem Pfannkuchen-Frühstück fuhren wir vom Hotel zu den gut 2 km entfernten Ruinen von Copán. Um 8 Uhr waren wir die ersten dort und im Laufe des Tages sollten auch nur noch 30-40 weitere Besucher kommen. Die Saison sei eben vorbei, erklärte man uns, wobei der recht kleine Parkplatz auch zu anderen Jahreszeiten keine Besuchermassen erwarten ließ, zumindest keine, die mit dem eigenen Auto kommen. Vom Eingang führte ein Waldweg zur Gran Plaza der alten Maya-Stadt.

Ich hatte schon zu Hause gelesen, dass auf dem Gelände die in ihrem Fortbestand gefährdeten Hellroten Aras, die Nationalvögel von Honduras, ausgewildert werden. Dazu hatte man für sie im Eingangsbereich Futterplätze und Bruthöhlen eingerichtet. Als wir dort ankamen, waren etwa zwei Dutzend der prächtigen Papageien zu sehen, die sich lautstark über ihr Frühstück hermachten. Zum Artenschutzprojekt „Guaras en Libertad“, also „Aras in Freiheit“, gehört auch der Macaw Mountain Bird Park in der Nähe der Ruinen. Die Vögel haben sogar einen direkten Bezug zu den Maya und zu Copán, denn die Könige der Stadt tragen auf den Stelen ihre Federn als Kopfschmuck und ihre steinernen Abbilder finden sich auf dem Ballspielplatz. Dort sind auf beiden Seiten des Spielfelds je drei Araköpfe aufgestellt, die möglicherweise mit dem Kautschuk-Ball getroffen werden mussten. An den Wänden eines Gebäudes darüber breiten zudem große Papageien ihre steinernen Schwingen aus. Der Hellrote Ara ist aber auch auf vielen anderen Maya-Monumenten zu finden und hat in der Schrift sogar seine eigene Glyphe: Mo’-o’. Verbreitet sind die Aras weit über das Maya-Gebiet hinaus, von Südmexiko bis zum Amazonas. Sie ernähren sich von Früchten oder Samen und legen 2-3 Eier. Die Brutzeit beträgt nur 26-27 Tage, bis zum Ausfliegen bleiben die Jungtiere dann aber noch zwei Jahre bei ihren Eltern.

Die Ruinen von Copán gehören zu den am besten erforschten Maya-Stätten Mesoamerikas. Sie liegen in einem fruchtbaren Tal am Copán-Fluss. Erste Siedlungen gab es dort bereits um 1.000 v.Chr.. Gegen 300 v.Chr., als andere Mayastädte in die klassische Periode eintraten, erlebte Copán einen Bevölkerungseinbruch. Erst 426 n.Chr. begann mit König Yax-kuk-Mo’, dem Ersten-Quetzal-Ara, der Wiederaufstieg des Stadtstaates. Er begründete eine Herrscherdynastie, die in den folgenden 400 Jahren 16 Könige hervorbrachte. Diese sind alle auf den vier Seiten des Altars Q abgebildet. Unter dem 13. und bedeutendsten Herrscher Waxaklajuun Ub’aah K’awiil, auch bekannt als 18 Kaninchen, wurde die Metropole zum Kunstzentrum. Während Copán daher als Paris der Maya gilt, ist Tikal mit seinen alles überragenden Pyramiden das New York der Maya. Die hohe Steinmetzkunst zeigt sich in Copán unter anderem in den Stelen, die nicht mit den üblichen zweidimensionalen Figuren, sondern mit plastischen Reliefs verziert und auf allen vier Seiten behauen worden sind. Das gibt es in der gesamten Maya-Welt nirgendwo sonst. Zudem sind die Kunstwerke aus vulkanischem Andesit gefertigt, der sich viel detaillierter gestalten lässt, als der weiter im Norden übliche Kalkstein. So entstand in Copán auch die berühmte Hieroglyphen-Treppe, die auf 2.200 Steinblöcken, die ihre 64 Stufen bilden, die Geschichte der Stadt über ganze 200 Jahre von 545 bis 745 n. Chr. erzählt. Weniger als 100 Jahre später wurde Copán dann jedoch verlassen. Daher fand der amerikanische Forschungsreisende John Lloyd Stephens, der mit dem Architekten und Zeichner Frederik Carterwood nach Spuren der Maya-Kultur suchte, die Treppe 1841 zusammengefallen und zugewachsen vor. Um die ganze Fundstätte in Ruhe untersuchen zu können und ausgewählte Fundstücke ungestört nach New York abtransportieren zu können, machte er dem damaligen Pächter des Geländes Don José Maria ein Kaufangebot für die Ruinen in Höhe von 50 Dollar. Dieser nahm an und hielt die Summe „für so übermäßig hoch, dass ich darob in seinen Augen als Narr erschien“, schrieb Stephens. Mit seinem Buch „Incidents of travel in Central America, Chiapas and Yucatan“ machte er die weitgehend vergessenen Maya später international bekannt.

Wir begannen unsere Besichtigung von Copán auf der Gran Plaza. Dort stehen viele Stelen und dort befindet sich neben der Hieroglyphentreppe auch der Ballspielplatz, der als einer der schönsten überhaupt gilt. Der Platz wurde entworfen, um die heilige Landschaft aus Erde, Wasser und Bergen zu repräsentieren. Eine Interpretation der Gran Plaza von Copán sieht im Norden einen „Sonnenplatz“ als Zentrum der Welt, das Ballspiel als Symbol des Universums und die Akropolis als privilegierten und geheimnisvollen Platz, der für die Unterwelt steht. Der größte öffentliche Platz der Stadt war früher mit weißem Kalkstein gepflastert gewesen und konnte bis zu 6.000 Leute aufnehmen. Die Zeremonialbauten verband je ein Sacbé, ein aufgeschütteter Damm, mit den östlichen und westlichen Wohngebieten. Sacbé heißt übersetzt „Weißer Weg“, denn Sac ist das Mayawort für weiß und Bé für Wasser.

Weiter ging es dann über den Ost- und den Westhof mit dem Altar Q zum Cemeterio, einer Palastanlage für die Elite, die noch halb überwuchert im Urwald liegt und eine besonders ursprüngliche Atmosphäre hat. Seinen Namen bekam dieser Bereich mit über 25 um rechteckige Innenhöfe gruppierten Gebäuden durch die dort gefundenen Gräber. Nach einer Mittagspause im Café beobachteten wir nochmals ausgiebig die Aras und fuhren dann zwei Kilometer weiter nach Las Sepulturas. Dort befanden sich Wohnstätten der Mittelschicht, zu der Adelige, Schreiber, Astronomen, Künstler und königliche Diener gehörten. Die ebenfalls gefundenen Gräber hatten auch diesem Areal seinen Namen gegeben. Früher war es durch einen Damm mit dem zeremoniellen Zentrum von Copán verbunden gewesen. Heute führt ein 40-minütiger Rundweg durch die rekonstruierten Plattformen und Fundamente bis hinab zum schlammig-braunen Rio Copán. Wir waren die einzigen Besucher auf dem Gelände. Wer nur wenig Zeit hat, kann die Besichtigung aber auch einfach weglassen, ohne etwas Wichtiges zu verpassen.

Zurück in Copán Ruinas besuchten wir noch das erst 2015 eröffnete Museo Digital Copán, das in Zusammenarbeit mit der japanischen Kanazawa University entstanden ist. Es zeigt eine 12-minütige Computeranimation der Ruinen, im Wechsel mit einer Rekonstruktion der ursprünglichen Bauwerke. Zudem stellt es das Spiel „Patolli“ vor, das von den Maya und auch von den Azteken in verschiedenen Varianten gespielt wurde. Allen gemeinsam waren die Bohnen als Spielsteine. Das erklärt auch den Namen „Patolli“, der in Nahuatl, der Sprache der Azteken, „Bohne“ bedeutet.

In einem weiteren Saal des Museums hängen alte Fotos der Ausgrabungen und des Ortes. Wir erfuhren, dass es im frühen 20. Jahrhundert noch ruhig war auf den ungepflasterten Straßen von Copán Ruinas. Es gab weder Autos noch Tuk Tuks oder Motorräder. Die Leute waren zu Fuß oder hoch zu Roß unterwegs. Kinder ritten um den Park der Plaza herum, junge Damen machten Vergnügungsausflüge zu den Ruinen und die Männer hüteten ihr Vieh. Bevor die Autos in den Ort kamen, landeten aber schon Flugzeuge auf einer Piste, auf der heute das Skulpturen-Museum steht. Erst 1936 kamen im Rahmen des Carnegie Institution Projects die ersten Lastwagen nach Copán. Später ließ sich dann der Entrepreneur Joaquin Aguilar das erste Auto in Teilen per Flugzeug anliefern, baute es zusammen und bot damit Fahrten rund um den Park an. Bald darauf folgten die ersten Motorräder.

Der schönste Ballspielplatz der Maya-Welt steht in Copán. Verziert ist er unter anderem mit Ara-Köpfen.

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