14. Tag

Vom Hotel waren es nur 12 km zum riesigen Parkplatz am Mont Saint-Michel. Der berühmte Inselberg war zu keltischer Zeit noch eine ganz abgelegene Begräbnisstätte gewesen und hatte dementsprechend Mont Tombe geheißen. Der christlichen Überlieferung nach hatte Bischof Aubert von Avranches 708 einen Traum, in dem ihm der Erzengel Michael auftrug auf der Spitze des 80 m hohen Granitfelsens eine Kapelle zu bauen, die sich schnell zu einem Wallfahrtsort entwickelte. Im Laufe der Jahrhunderte wurde daraus ein mächtiger Klosterkomplex.

Dessen Herzstück ist das architektonische Meisterwerk „La Merveille“, das Wunder. Diese beiden im 13. Jahrhundert errichteten gotischen Gebäude nebeneinander haben jeweils drei Geschosse und lehnen sich auf der einen Seite an den Fels, während sie auf der anderen Seite durch mächtige pfeilerartige Streben von außen gestützt werden. Im Inneren bestehen die Fundamente aus drei Krypten mit dicken Stützsäulen. Den oberen Abschluss bilden das Refektorium, der Speisesaal der Mönche und der kunstvolle Kreuzgang. Dieser verfügt über ein Mittelfenster, das sich zum Abgrund hin öffnet. Heute ist es mit einer dicken Scheibe verschlossen, denn der daneben geplante Kapitelsaal wurde nie gebaut. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht, im 12. Jahrhundert, gründete die Abtei jedoch zahlreiche Tochterabteien, zum Beispiel St. Michael’s Mount in Cornwall.

Von der Aussichtsplattform vor der Kirche hat man einen tollen Blick über die Bucht sowie Teile der Normandie und der nahen Bretagne. In der Bucht herrschen die stärksten Gezeiten Europas. Bei Ebbe zieht sich das Wasser bis zu 15 Kilometer weit zurück. Nach der 1995 gestarteten, über 200 Millionen Euro teuren Renaturierung, mit dem Abriss der Dammstraße und dem Bau einer 760 m langen Stelzenbrücke sowie eines Stauwerks am Fluss Couesnon, wird der Mont seit 2015 gelegentlich wieder für etwa eine Stunde zur Insel. Dazu müssen die Gezeiten jedoch einen Koeffizienten von 110 überschreiten. Das ist nur an wenigen Tagen pro Jahr der Fall, z.B. am 1., 27., 28., 29. und 30. Oktober 2019. Damit die Bucht nicht versandet, spült das gestaute Flusswasser die abgelagerten Sedimente aber bei jeder Ebbe zurück ins Meer.

Das ursprünglich von Benediktinern geführte Kloster übernahmen 2001 vier Brüder und fünf Schwestern der „Monastischen Gemeinschaft von Jerusalem“ von den in die Jahre gekommenen alten Mönchen. Sie halten in ihren langen weißen Gewändern täglich unter anderem um 12.15 Uhr eine Messe ab, bei der ihre durch eine gute Tonanlage verstärkten Gesänge die tolle Akustik der Klosterkirche eindrucksvoll zur Geltung bringen.

Mit der Bedeutung des Klosters wuchs im Laufe der Zeit auch die „wild“ errichtete Unterstadt. Sie bot früher alles, was die zahlreichen Pilger benötigten, und besteht heute aus Restaurants und Souvenirshops für die jährlich 3,5 Millionen Besucher. Zudem wurde der Klosterberg später immer stärker befestigt, so dass letztendlich selbst die Engländer im Hundertjährigen Krieg nicht in der Lage waren ihn einzunehmen. Während der Französischen Revolution wurde das Kloster jedoch aufgegeben und Teile der Gebäude zu einem berüchtigten Gefängnis. Vieles verfiel auch, bis zur Zeit Napoleons III die ersten Restaurierungen begannen. Seit 1979 ist der Mont Saint-Michel UNESCO-Weltkulturerbe und seit 1998 Teil des Jakobswegs. Zudem ist der Klosterberg eines der besterhaltensten Bauwerke des Mittelalters.

Als wir am Nachmittag über die Brücke zurück zum 2,5 km entfernten Parkplatz liefen, überholt von den kostenlosen Pendelbussen und einigen Pferdekutschen, erstrahlte der Mont wie zum Abschied dann im weichen Licht der Nachmittagssonne.

Für die jährlich 3,5 Millionen Besucher des legendären Inselbergs Mont Saint-Michel führt der Weg zum Kloster hinauf durch die Grande Rue, vorbei an zahlreichen Restaurants und Souvenirshops.

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