6. Tag

Die schier endlose LKW-Karawane schien mitten in der Nacht für ein paar Stunden abzureißen. Schon lange vor Morgengrauen ging das Getöse aber wieder los und an Schlaf war nicht mehr zu denken. In den ruhigen Momenten zwischendurch hörte man jedoch immerhin die Vögel zwitschern. Nach einem landestypisch stark gesüßten Kaffee von der gut besuchten Tortillabude gegenüber und Supermarkt-Muffins zum Frühstück, standen wir schon um kurz vor 8 Uhr auf dem Parkplatz des UNESCO-Weltkulturerbes Quiriguá. Der Himmel war zwar bewölkt, aber es sollte trocken bleiben. Durch den langanhaltenden Regen vom Vortag war die Wiese der Gran Plaza jedoch nass und matschig. Allerdings ließen sich so wenigstens die im Reiseführer angekündigten Mosquitoschwärme nicht blicken.

Das Land östlich von Los Amates, auf dem die alte Mayastadt steht, kaufte Juan Payés y Fort 1798 bis hinab zu den Ufern des Rio Motagua. Im Vertrag ist Quiriguá erstmals schriftlich erwähnt, auch wenn der neue Besitzer die Monumente erst einige Jahre später entdeckte. Seine Kinder verkauften den Grundbesitz dann an die United Fruit Company, die darauf Bananenplantagen anlegte. Den 0,34 km2 kleinen Bereich mit den Ruinen und einen schmalen Streifen Urwald darum herum übertrug sie 1910 aber der Stadt. Die Maya hatten Quiriguá 426 n.Chr. als Vasallenstadt von Copán gegründet. 725 n.Chr. setzte dessen König Waxaklajuun Ub’aah K’awiil in Quiriguá dann K’ahk‘ Tiliw Chan Yo’aat als Herrscher ein. Dieser regierte lange 60 Jahre und machte seine Stadt zu einer der mächtigsten in der südwestlichen Maya-Welt. Entscheidend dafür war die Rebellion gegen Copán im Mai 738 n.Chr., bei der er seinen Gönner Waxaklajuun Ub’aah K’awiil gefangen nahm und enthauptete.

Herzstück von Quiriguá ist die 45.000 m2 große Gran Plaza mit elf Monumenten, Stelen und Zoomorphen, als Tierfiguren mit menschlichen oder göttlichen Zügen behauene Steinblöcke. Die Stele E ist dabei mit 10,60 m Höhe und 65 Tonnen Gewicht die größte des Maya-Reiches. Nach einer guten Stunde hatten wir unseren Rundgang beendet und fuhren weiter. Dabei stoppten wir nach einigen hundert Metern mitten in der Bananenplantage am Übergang einer kleinen Hängebahn, wo einige Arbeiter gerade Pause machten. Einer von ihnen war Edwin, der bereitwillig versuchte auf unsere paar Spanischbrocken zu antworten. Er erklärte die Plantage gehören zu Del Monte und eine Hand essreife Bananen koste 10 Quetzales. Dazu muss man wissen, dass der Fruchtstand in der Mitte einer Bananenstaude „Büschel“ heißt. Aus jeder seiner zahlreichen Blüten entsteht dann später eine Banane, die man auch „Finger“ nennt. Jeweils 10-20 Finger stehen als eine „Hand“ zusammen. An einem Büschel wachsen 10-12 solcher Hände mit einem Gesamtgewicht von 35-50 Kilogramm.

Nach fünf Minuten wurde der Ausleger der Hängebahn dann quer über die Straße geschwenkt und die kleine „Lok“ fuhr vorbei und zog Dutzende von Büscheln hinter sich her. Edwin erkundigte sich anschließend mit Interesse woher wir kämen, wie weit wir von Berlin entfernt wohnen würden und was unsere Reise kosten würde. Er meinte, dass er sich so einen Urlaub nie würde leisten können, aber von seinem Lohn einigermaßen leben könne. Zum Abschied bestand er darauf uns eine Hand erntefrischer Bananen zu schenken. Wir bedankten uns sehr herzlich und probierten sofort. Die Schale der Früchte war satt gelb ohne braune Flecken und das Fruchtfleisch war schön weiß, weich und schmeckte schon angenehm süßlich.

Nach einer Stunde Fahrt hatten wir dann den 70 km entfernten Doppelort Rio Dulce erreicht, zu dem Fronteras und El Releno zusammen gewachsen waren. Dort setzten wir mit einem Lancha, einem kleinen Boot, über den Fluß zur Tortugal River Lodge über, wo wir eine Hütte bezogen. Nach einer Pause spazierten wir am frühen Nachmittag über einen Weg, der durch eine Kakaoplantage führte, zurück zur Straße. Dieser folgten wir zum Castillo San Felipe de Lara, das am Rand des Izabal-Sees auf einer kleinen Halbinsel steht. Im Park mit dem kleinen Fort gibt es auch einen Baumlehrpfad, ein Schwimmbad, einen Badestrand und einige Souvenirstände. Das Castillo entstand 1651 durch die Erweiterung eines 1595 errichteten Wachpostens zum Schutz vor Piraten. Eine Batterie von Kanonen und eine Bronzekette, die die Flussenge sperrte, konnten aber das Eindringen von Sir Francis Drake und anderen Freibeutern nicht verhindern, die das Fort mehrfach zerstörten. Die heutige Anlage ist daher eine Rekonstruktion von 1957.

Anschließend fuhren wir mit dem Minibus nach Rio Dulce zurück und dort vom Muelle Municipal mit dem Lancha weiter zur Lodge. Unterwegs sammelten wir noch einige ältere Ehepaare aus den USA ein, die seit Jahren als Dauersegler auf den Weltmeeren unterwegs waren. Darunter waren auch Royce und Jennifer aus Oklahoma, deren Boot gerade in der Werft überholt wurde. Die eingeschworene Seglergemeinde fachsimpelte über Brücken in den USA und Schleusen in Florida. Später hatten sich noch weitere Segler zum freitäglichen Filmabend mit Pizza und Geselligkeit in der Lodge eingefunden. Nach dem Essen wurde dann der Beamer angeworfen und „Mamma Mia 2“ gezeigt, ein sehr nett gemachter Film mit den unvergesslichen Hits von ABBA. Wir schauten mit, es wurde frisches Popcorn gereicht und in der Ferne blitzte und donnerte es. Als wir später in unseren Betten lagen, hörten wir die Grillen zirpen, aber ab und an drang von der Straße auch der Lärm der vorbeifahrenden LKW herüber. Jedoch deutlich leiser als am Vortag.

Im UNESCO-Weltkulturerbe Quiriguá stehen Stelen und Zoomorphen inmitten von Bananenplantagen.

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