2. Tag

Morgens hing schon die aktuelle Ausgabe der „Hindustan Times“ an unserer Zimmertür. Auf der Titelseite stand ein Artikel über die Verhaftung von 19 Mitgliedern eines Wilderer-Netzwerks, das Tiger und Leoparden getötet hatte, um deren Körperteile für okkulte Zeremonien zu verkaufen und so einen aktuellen Trend zu bedienen. Die meisten Beschuldigten lebten in den Dörfern der Pufferzonen der Nationalparks von Madhya Pradesh und Maharasthra. Allein in Madhya Pradesh wurden demnach seit Januar 2018 elf Tiger und mehrere Leoparden umgebracht. Die Befragungen ergaben, dass Tiger-Schnurrhaare zum Beispiel Reichtum und Schutz vor dem Gesetz ermöglichen sollten. Daten der National Tiger Conservation Authority (NTCA) von Mai 2019 belegten zudem, dass 31,5% der von 2012-2018 registrierten toten Tiger gewildert worden waren. Entweder durch vergiftete Köder oder Elektrodraht-Fallen. Den Tieren wurden dann Klauen, Zähne, Schnurrhaare und Fell entfernt und der Kadaver anschließend vergraben. Jedes Körperteil bringt den Wilderern später 10.000-20.000 INR ein, das entspricht etwa 125-250 Euro.

Als ich dann bei IndiGo anrief, erfuhr ich, dass meine Online-Umbuchung vor einer Woche funktioniert hatte. Heute hätte ich dazu auch schon um 4.21 Uhr eine Bestätigungsmail erhalten. Daher konnten wir entspannt mit dem Tuk Tuk für 50 INR zum Westgate des Taj Mahal fahren. Ich verzichtete aber auf eine weitere Besichtigung des UNESCO Weltkulturerbes für 1.300 INR Eintritt und setzte mich stattdessen ins Rooftop-Restaurant des Hotels Host, wo ich schon 2017 mit Blick auf das marmorne Mausoleum eine kalte Cola getrunken hatte. Bei der herrschenden Hitze schienen auch geschälte Schlangengurken mit grobem Salz eine beliebte Erfrischung zu sein. Doch der öffentliche Trinkwasserspender war noch deutlich mehr umlagert als die Straßenverkäufer mit ihren Gurkenkörben.

Nach einer Pause in der kühlen Hotellobby, wo uns gleich ein Glas Zitronenlimonade gereicht wurde, fuhren wir um 14 Uhr zum Bahnhof Agra Cantt. Dort gab es einen eigenen Touristenschalter, vor dem aber wie vor allen anderen eine Schlange Inder stand. Der Service-Mitarbeiter reichte mir dann ein Formular, das ich ausfüllen musste, bevor er die Fahrkarten für den Zug von Orchha nach Khajuraho aushändigen konnte, den wir in vier Tagen nehmen wollten. Es waren die Zugnummer, Start, Ziel, die Namen aller Reisenden, eine Heimatadresse, eine Mobilnummer und das Reisedatum einzutragen. Als wir uns wieder in die Schlange gedrängelt und den Zettel abgegeben hatten, wurde alles in den PC eingetippt und das Ticket für zusammen 270 INR auf einem ratternden Nadeldrucker ausgestellt. Für die Fahrkarten für den nächsten Zug nach Gwalior mussten wir dann zum anderen Ende des Bahnhofs zum Schalter für „Non reserved tickets“ gehen. Dort erhielten wir ohne Formular vorweg umgehend drei Tickets für die einfache Klasse „Second Sitting“ ohne Zugbindung für zusammen 210 INR. Der Mitarbeiter empfahl uns am besten in eine andere Klasse einzusteigen und dem Schaffner dann später den Aufpreis zu bezahlen.

Der Patalkot Express, den wir uns ausgesucht hatten und der um 16.10 Uhr abfahren sollte, war schon aus dem Fahrplan gestrichen worden, wie wir auf der großen Anzeigetafel gelesen hatten. Ein anderer Expresszug sollte jedoch mit einstündiger Verspätung um 16.20 Uhr ankommen, so dass wir beschlossen dort einzusteigen. Offenbar hat nicht nur die Deutsche Bahn Probleme mit der Pünktlichkeit und Zugausfällen. Die Wartezeit konnten wir für 90 INR pro Person immerhin in der exklusiven Premiumlounge des Bahnhofs verbringen, mit Klimaanlage, Wifi, Actionfilmen auf einem großen Flachbildschirm und kleinem Restaurant.

Da sich die Leute in den beiden total vollgestopften Second Sitting-Wagen schon in Trauben an den offenen Türen drängelten als unser Zug einfuhr, beherzigten wir den Tipp des Schaltermitarbeiters. Wir stiegen einfach in der Sleeper Class ein, die aber ebenfalls recht voll war. Nachdem wir uns auf der vergeblichen Suche nach freien Plätzen durch den schmalen Mittelgang von vier Wagen gequetscht hatten, fanden wir endlich ein Abteil mit einer freien Bank und setzten uns.

Am nächsten Bahnhof stieg dann ein junger Mann ein, der ein Ticket für zwei der Plätze hatte. Er fragte uns wohin wir denn fahren würden und erklärte großzügig, dass Gwalior ja nur 120 km weit weg sei und wir sitzen bleiben dürften, er käme einfach später wieder. Wirklich sehr nett von ihm. Auf der anderthalbstündigen Fahrt saß uns Pravia gegenüber. Der junge Mann stellte uns den älteren Mann neben sich als seinen Freund vor, der Fotograf war und meine Kamera schon interessiert inspiziert hatte. Pravia übersetzte dann ein wenig und der Fotograf zeigte uns seine Bilder, unter anderem von einem Besuch im Tempel, für den sich alle Portraitierten besonders herausgeputzt hatten, und von einem Bad in einem Fluss. Wir fotografierten uns noch gegenseitig mit getauschten Speicherkarten und hatten auch bald schon Gwalior erreicht. Dort fuhren wir mit dem Tuk Tuk durch das übliche Verkehrschaos zu unserem einfachen Hotel, das etwas zurückgesetzt in einem Hinterhof an der Hauptstraße lag. Wenn man am derzeit geschlossenen Restaurant im Erdgeschoß vorbei kam, das im Internet überwiegend schlechte Kritiken bekommen hatte, roch es penetrant nach altem Siedefett. Die Zimmer waren einfach, sauber und man konnte den Lärm der Straße noch hören. Nach einer kurzen Pause erkundeten wir ein wenig die umliegenden Straßen mit vielen kleinen Geschäften und ein paar blumengeschmückten Tempeln. Dann kehrten wir noch in ein Restaurant ein.

Eine malerisch anmutende Straßenszene in Gwalior, eine der historisch und kulturell bedeutsamsten Städte Indiens.

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