3. Tag

Nach dem einfachen Frühstück stand die Besichtigung des Forts Gwalior an, einer 3 km langen, mit 7 Toren gesicherten Festungsanlage auf einem 150 m hohen Tafelberg. Wir nahmen ein Tuk Tuk bis zum südwestlichen Urawi-Gate, wo es nicht mehr weiter fahren durfte. Von dort folgten wir zu Fuß der ansteigenden Straße. In die Felswand auf der rechten Seite waren kleine Figuren geschlagen, die zu einem noch aktiven Tempel gehörten, den wir auch besichtigen durften, nachdem wir die Schuhe ausgezogen und unsere Hände in einer Wasserschale gewaschen hatten.

Ein Stück weiter erreichte die Straße dann einen Torbogen mit einem Platz dahinter, auf dem mehrere Minibusse standen. Da für die Besichtigung der Sehenswürdigkeiten auf dem weitläufigen Plateau eine Strecke von etwa 10 km zusammenkommt, ist es sinnvoll sich herumfahren zu lassen, erst recht bei 44 °C. Nachdem wir uns auf 350 INR geeinigt hatten, brachte uns der Fahrer zuerst über die in einem großen Bogen den Berg hinauf führende Straße zum Man-Mandir-Palast. Dieser wurde um 1500 von Raja Man Singh Tomar erbaut und ist als einziger Palast Indiens an der Frontseite mit bunten Kacheln und halbrunden Türmen verziert. Zudem ist das Gebäude ein schönes Beispiel der Hindu-Architektur und insgesamt reich geschmückt, unter anderem mit Figuren, Enten, Elefanten, Pfauen und Löwen. Von den vier Stockwerken sind zwei unterirdisch in den Fels gehauen. Sie waren ursprünglich ein kühler Aufenthaltsort für die Herrscherfamilie im heißen Sommer. Als die Moguln das Fort im 16. Jahrhundert eroberten, machten sie die beiden Etagen jedoch zu Verließen. Heute verschlafen dort hunderte Fledermäuse den Tag.

Wir fuhren dann weiter zu den beiden im 19. Jahrhundert restaurierten Sas-Bashu-Tempeln aus dem 11. Jahrhundert. Sie stehen in der östlichen Ecke des Forts und sind Vishnu geweiht. Der kleinere Tempel wird auch „Schwiegertochter“ genannt und der größere „Schwiegermutter“. Seine fast schwebende Architektur erinnert an die Bauten der Jain, wie etwa in Ranakpur. Baubeginn war unter Raja Padmapala, die Fertigstellung unter Raja Mahipala im Jahr 1093. Der nächste Stopp war der Teli-ka-Mandir. „Teli“ war der Ölhändler, der den Bau unter Raja Mihira Bhoja finanzierte. Mit 30 m ist das Bauwerk der höchste Tempel des Forts. Stilistisch wird der Tempel auf das 9. Jahrhundert datiert. Zwei Säulenhallen, „Mandapikas“ genannt, und ein Eingangstor an der Ostseite sind spätere Ergänzungen aus der britischen Kolonialzeit durch Major Keith im Zuge von Restaurierungsarbeiten im Jahr 1881. Das gewölbte Wagendach des Tempels im dravidischen Stil ist eher typisch für Südindien, die Dekoration ist dagegen im indoarischen Stil Nordindiens gefertigt. Den Figuren im unteren Bereich war aber fast überall der Kopf abgeschlagen oder weggemeißelt worden.

Nur ein paar hundert Meter weiter befindet sich der heilige Teich „Suraj Kund“. Der Legende nach war der an Lepra erkrankte Fürst Suraj Sena vom Stamm der Kacchapaghāta einst auf dem Felsplateau „Gopagiri“ in den nördlichen Ausläufern des Vindhyagebirges auf der Jagd. Dort bat er einen Sadhu, einen asketisch lebenden heiligen Mann, um einen Schluck Wasser. Der Trank löschte dann nicht nur den Durst des Fürsten, sondern heilte ihn auch. Als Zeichen seiner Dankbarkeit baute er anschließend das Fort und fasste den Teich ein, aus dem er getrunken hatte. Im Fort von Gwalior fand bei den letzten Kämpfen des Sepoy-Aufstands zudem die Rani von Jhansi den Tod, die sich dort als indische Jeanne d’Arc mit ihren Getreuen verschanzt hatte. Als Mann verkleidet kämpfte sie in der ersten Reihe mit und fiel am 17. Juni 1858.

Abschließend fuhren wir ins Urawi-Tal zurück, wo zwischen dem Urawi-Tor und dem zweiten Tor 24 monumentale Jain-Tirthankaras aus dem Fels gehauen wurden. Die Anzahl und Größe der stehenden und sitzenden Figuren ist einzigartig. Die größte ist fast 18 m hoch. Sie stellt Rishabba dar, den Gründer des Jainismus, der auch Adinath („Ahnherr“) genannt wird. Die Figuren entstanden im 15. Jahrhundert unter Raja Dungar Singh. Auch an anderen Ecken des Plateaus finden sich solche Figuren in den steilen Felsen.

Der Fahrer wollte uns dann wieder am Startpunkt absetzen, wir hatten als Endpunkt aber den Man-Mandir-Palast ausgemacht, weil von dort ein kurzer Weg hinunter in die Stadt führte. Also brachte er uns wieder rauf auf das Plateau und verlangte für die zweiminütige Fahrt zusätzliche 200 INR, die er aber nicht bekam. Als wir schließlich durch das Tor des Palastes hinunter gingen, hatte ich aufgrund der Hitze in etwa zwei Stunden drei Liter Wasser getrunken. Auf dem Weg kamen wir dann noch am Chaturbhuj Tempel vorbei, der unter Raja Bhodjeva 876 direkt aus dem Stein gehauen worden war. Eine Besonderheit des kleinen Heiligtums ist eine Inschrift, die die allererste in Stein geschlagene mathematische Null Indiens beinhaltet.

Unten angekommen wollten wir mit dem Tuk Tuk zurück zum Hotel. Der erste Fahrer setzte uns aber an einem Haus ab, das kein Hotel war und erst recht nicht unseres. Für die Weiterfahrt verlangte er mehr Geld, so dass wir kurzerhand das Tuk Tuk wechselten und bald darauf in unserem angenehm gekühlten Zimmer eine kleine Pause einlegen konnten. Am Nachmittag tauchten wir dann noch ein wenig ein ins indische Alltagsleben: In einer schmalen Gasse wusch sich ein kleiner Junge vor einem Haus mit einem Wassereimer und einer Schöpfkelle, eine junge Frau in einem bunten Sari holte ein Paket bei einer Schneiderin ab und zwei ältere Damen saßen vor ihrem Haus und plauderten. Als wir abends beim Essen saßen, gab es noch ein kurzes Gewitter mit Sturzregen, Blitzen und Stromausfall.

Der 30 m hohe Teli-ka-Mandir im Fort von Gwalior stammt aus dem 8. Jahrhundert. Er ist einer der eigenwilligsten Hindutempel des Landes.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Autor *:

Webseite: