9. Tag

Ausgerüstet mit üppig bestückten und entsprechend schweren Picknickboxen starteten wir um 6 Uhr nach einer Tasse Tee, einer Banane und ein paar Keksen mit unserem RAV4 in Richtung Serengeti-Nationalpark. Die tote Kuh, die am Vortag noch am Causeway gelegen hatte, war restlos verschwunden und die Piste zur Hauptstraße führte durch eine weite Steppenlandschaft mit trockenem Gras auf dem Hunderte von Thomson- und Grantgazellen standen. Außerdem hatte sich direkt neben der Piste im schönsten Morgenlicht ein Rudel Hyänen versammelt. Nach einem Fotostopp erreichten wir dann bald das schmucklose Tor zum Nationalpark. Als wir weiter fuhren waren die ersten Kilometer der Piste noch sehr gut, gingen aber schnell in permanentes Wellblech und tief ausgefahrene Spuren mit einem stattlichen Schotterwall dazwischen über. Daher brach nach etwa 15 km unser Auspuff, so dass das eine Ende des Rohrs geräuschvoll über den Boden schleifte. Eine Weiterfahrt war damit nicht mehr möglich. Als wir aber noch ratlos am Straßenrand standen, kamen uns zwei LKWs entgegen. Sie hielten sofort an und die hilfsbereiten Arbeiter, die in der Serengeti gerade das mobile Ang’ata Camp aufgebaut hatten, stiegen aus und legten sich sogleich unter unser Auto, um den Endtopf und das herabhängende Stück des Auspuffs einfach kurzerhand zu demontieren, was keine fünf Minuten dauerte. Beide Teile luden sie dann auf einen der LKW und fuhren hinter uns her zurück zum Gate. Unser RAV4 hatte nun deutlich mehr Bodenfreiheit und war auch nur geringfügig lauter als zuvor. Dennoch war an eine erneute Fahrt tiefer hinein in den Nationalpark nicht zu denken. Die Arbeiter schlugen vor unseren Auspuff in Ndutu abzugeben, weil sie ohnehin zur dortigen Rangerstation wollten. Wir nahmen diesen Service dankend an und sprachen dann mit dem Fahrer eines leeren Landcruisers, der vor der Schranke stand. Er bot an uns bis Seronera zu bringen und dort einen Freund anzurufen, der uns für den Rest des Tages durch die Serengeti fahren würde. Wir einigten uns auf 160 Euro in bar und schon rasten wir mit 100 km/h über genau die Piste, die uns schon bei 30 km/h den Auspuff gekostet hatte. Nach nur 30 Minuten hatten wir das Seronera-Tal erreicht und steuerten das Ballon-Camp an. Dort erwartete uns schon Modesto mit einem Landcruiser in Safari-Ausführung, mit hochklappbarem Dach und Kühltruhe. Unser Fahrer fragte dann gleich welche Tiere wir denn gerne sehen wollten. Ein ausgebildeter Guide schien er nicht zu sein, aber er konnte den Funkverkehr der anderen Guides mithören und hatte auf jeden Fall einen geschulten Blick.

Um uns den gewünschten Leopard zu zeigen, steuerte er sofort einen der Kopjes an. Vor dem Inselberg stand schon ein Dutzend Fahrzeuge und wir erfuhren, dass sich die Raubkatze in den Granitfelsen versteckt habe. Da sie sich aber nicht sehen ließ, fuhren wir bald weiter zu einer stattlichen Ansammlung von 21 Fahrzeugen. Dort lag ein Gepard im Gras direkt neben der Straße, drehte seinen Beobachtern den Rücken zu und hatte seinerseits eine Gruppe Thomson-Gazellen in etwa 100 Meter Entfernung genau im Blick. Er blieb ganz entspannt, beachtete die Autos überhaupt nicht und setzte sich schließlich auf die Hinterläufe als die kleinen Antilopen allmählich näher kamen. Wenige Minuten später ging dann alles ganz schnell. Der Gepard sprintete unvermittelt los und hatte sich nach nur wenigen Sekunden ein ganzes Stück weit entfernt und ein Gazellenkitz geschnappt. Er legte sich mit der Beute unter einen Baum und drückte ihr an der Kehle die Luft ab. Das Kitz zappelte noch ein wenig, dann war die Jagd vorbei. Aufgrund der vielen Autos hatten wir nicht alles sehen, und erst recht kein Foto des Geparden in Aktion machen können.

Als alle kurz darauf weiterfuhren, machten wir uns auf den Weg zur Marwe Meupe-Picnic Site auf einem kleinen Hügel, wo sogar ein Verkaufswagen mit kalten Getränken stand. Ergänzend sorgte der kräftige Wind für etwas Kühlung. Während die Gäste exklusiver Safari-Unternehmen mit Tischdecke und Porzellan-Geschirr mehrere Gänge speisten, packten wir unsere Picknickboxen aus, die wesentlich besser bestückt waren als die der Osupuko-Lodge. Anschließend kehrten wir zum Inselberg zurück, wo nun nur noch ein Fahrzeug stand. Aber man verriet uns unter welchem Felsen der Leopard im Schatten lag und nach diesem Hinweis entdeckten wir seine Schwanzspitze, die ein paar Zentimeter hervorlugte. Während die Gäste des anderen Fahrzeugs noch scherzten, man müsse nun Pinnchen ziehen, um zu ermitteln, wer freiwillig aussteigen und daran ziehen müsse, geschah das Unglaubliche. Die Raubkatze bewegte sich, stand auf und kam tatsächlich heraus. Sie putzte sich, schaute sich um und spazierte dann seelenruhig an den Fahrzeugen vorbei, die inzwischen auf ein gutes Dutzend angewachsen waren. Während das Tier durchs Gras lief, folgte ihm die Autokarawane zweispurig im Schritttempo. Schließlich ging es schnurstracks auf einen der Wagen zu und legte sich einfach mitten drunter, in den einzigen Schatten weit und breit. Als der Fahrer nach einigen Minuten den Motor startete, zog der Leopard einfach ein Auto weiter und wiederholte das Spielchen noch zwei Mal. Dann trottete er langsam zurück in Richtung Kopje und ließ sich schließlich, umringt von Fahrzeugen, einfach auf ein Stück Wiese in der Mitte eines Pistendreiecks fallen. Dort lag er noch immer als wir schließlich weiter fuhren.

Wir waren also genau ein Teil dessen geworden, was in Nationalparks so eigentlich nicht sein sollte. Da sich die Guides per Funk absprachen, und die meisten Touristen, wir eingeschlossen, am liebsten Raubkatzen sehen möchten, wurden diese sofort von allen Seiten bedrängt, sobald sie sich in der Nähe irgendeiner Piste sehen ließen. In der Ndutu-Lodge hing zu diesem Thema ein großes Poster. Darauf stand, dass zu viele Autos und zu viel Lärm Geparden sehr stark stressen können. Das führe dann zu überproportional häufigen Jagdfehlschlägen oder auch der Trennung von Müttern und Jungtieren. In diesem Zusammenhang wurde auf eine wahre Begebenheit verwiesen. Am 24. Juli 2003 sei eine Gepardin mit sieben Jungen von 15 Autos eingekreist worden. Dabei ging ein Jungtier verloren und tauchte nie wieder auf. Vermutlich wurde es in der Nacht von Löwen oder Hyänen getötet.

Als letzte Station unseres Serengeti-Ausflugs besuchten wir den Retima Hippo-Pool. Dieser war jedoch schon recht stark ausgetrocknet, so dass die etwa 30 Nilpferde in einer Art großen Schlammlache lagen. Die Krokodile, die dort bei höherem Wasserstand ebenfalls anzutreffen sind, waren schon alle verschwunden. Dafür kam ein Elefant durch das trockene Flussbett und wollte baden, was für einige Aufregung unter den bis dahin träge vor sich hin dümpelnden Nilpferden sorgte, die eilig den ungeordneten Rückzug antraten.

Wir fuhren dann zurück zum Naabi Hill-Gate, das wir um 17.30 Uhr erreichten. Da unser NCA-Permit abgelaufen war, wollten wir ein neues kaufen, was aber zum Problem wurde. Im Gegensatz zu den Nationalpark-Permits konnte man es nämlich nicht per Kreditkarte bezahlen, sondern nur mit einer Rhino-Card, die wir nicht hatten. Ausnahmsweise hätten wir bar bezahlen dürfen, aber unsere letzten Euros hatten wir in den Gamedrive investiert. So standen wir geschlagene anderthalb Stunden an der Schranke herum, bis man uns folgende Lösung anbot: Wir durften zurück in die NCA und sollten unsere Schulden später am Lodoare-Gate begleichen. Dort würde uns ein Ranger zur Bank begleiten, wo wir ihm dann knapp eine Million Tansanische Schillinge aushändigen sollten. Als wir endlich los fahren konnten war es schon dunkel. Unterwegs sahen wir im Licht der Scheinwerfer zwei Honigdachse und ein Kaninchen auf der Piste. Um 19.45 Uhr kamen wir dann endlich in der Lodge an, wo man hinter dem Haus draußen für ein festliches Candle Light-Dinner gedeckt hatte. Die Tische waren liebevoll dekoriert und es gab Stockbrot, Fleisch vom Grill und leckere Beilagen. Mit uns am Tisch saßen Brigitte und ihre Freundin Marita, die von ihren amüsanten Erlebnissen in Deutschland im Zuge der rosaroten Wochen der Bundesbahn erzählten, sowie Sophia aus Schweden. Die Mittzwanzigerin war Einkäuferin bei H&M und hatte für sich allein eine 14-tägige Flugsafari zusammengestellt, die sie nun mit Hilfe einer Powerpoint-Präsentation auf ihrem Tablet abarbeitete. Sie hatte bereits in fünf Tagen den Kilimanjaro bezwungen, obwohl sie sonst keinerlei Interesse am Wandern oder Bergsteigen hatte, reiste am nächsten Tag weiter in ein mobiles Camp in der Serengeti, machte noch schnell eine Ballonfahrt und flog dann nach Pemba, um dort mit Walhaien zu schnorcheln.

Der Leopard in der Serengeti hat den einzigen Schattenplatz weit und breit aufgesucht, direkt unter dem Safarifahrzeug.

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