4. Tag

Wir fuhren mit dem Tuk Tuk zum Bahnhof und verhandelten dort mit den Taxifahrern. Schließlich einigten wir uns mit Mahindra auf 1.800 INR für die Fahrt ins 120 km entfernte Orchha. Da die Straße gerade ausgebaut wurde, wechselten neue Abschnitte immer wieder mit staubigen Baustellen, die Schritttempo erforderten, so dass wir zweieinhalb Stunden unterwegs waren. Wir unterhielten uns aber sehr nett mit Mahindra, der seit 30 Jahren Taxi fährt und zwei Töchter und einen Sohn hat, der Ingenieur in Mumbai ist. Das Leben als Taxifahrer sei schwerer geworden, erklärte er, denn die Zahl der Fahrer wachse ständig. Zudem seien früher zwar weniger Touristen gekommen, diese wären aber reicher gewesen und hätten alle Preise ohne zu zögern einfach bezahlt. Heute kämen zwar mehr Ausländer, aber überwiegend Backpacker, die oft hartnäckig verhandeln würden. Am meisten meckern würden dabei die Russen.

Als wir an einigen illegal an der Straße errichteten kleinen Häusern vorbei kamen, erklärte Mahindra wenn die Bewohner Glück hätten, könnten sie nach einiger Zeit das Grundstück in Besitz nehmen. Hätten sie dagegen Pech lasse die Regierung alle Gebäude früher oder später wieder abreißen. Bei der Pause in einem Rasthaus mit einer kühlen Flasche „Thumbs Up“, einer indischen Cola-Marke, die aber zum Coca Cola-Konzern gehörte, erzählte unser Fahrer, dass er etwa 6.000 INR im Monat verdiene, was uns recht wenig erschien, und auf dem Markt 20 INR für ein Kilo Melone bezahlen würde. Die 200 INR, die wir heruntergehandelt hatten, holte sich er sich später clever zurück, indem er eine Quittung ausstellte, über 1.800 INR plus 18% Steuern.

Gegen 14 Uhr kamen wir schließlich in unserem einfachen Hotel in Orchha an. Dort wurden wir freundlich begrüßt und bekamen jeder sofort eine kühle Flasche Wasser gereicht. Es war auch wieder 44 °C heiß, wie wir erfuhren. In unseren Zimmern hörten wir aber zum ersten Mal kein Hupen und keine Motoren, sondern Vogelgezwitscher. Als die größte Mittagshitze vorbei war, machten wir um 15.30 Uhr einen Rundgang durch den kleinen Ort. Über die etwa 1,5 km lange Hauptstraße erreichten wir das Zentrum, wo der Raja Ram Mandir am Rande eines großen Platzes steht. Der „König-Rama-Tempel“ mit seinen pastellrosa Kuppeln war früher ein Palast und ist heute ein beliebter Wallfahrtsort. Rings um den Platz gab es viele Verkaufsstände, die Farbpulver und alles was man zum Tempelbesuch so brauchte anboten, aber auch Souvenirs und Süßigkeiten.

Wir gingen jedoch bald weiter über eine Brücke zum Jahangir Mahal. Ein Nebengebäude dieses Palastes ist heute das Heritage Hotel „Sheesh Mahal“, dessen acht Zimmer waren aber schon Wochen vor der Reise ausgebucht gewesen. Als wir die Lobby betraten, brauchte der Portier erst eine gute Minute bis er sich sortiert hatte, denn wir hatten sein Nickerchen hinter dem Tresen rüde unterbrochen. Er servierte uns dann aber leckere Ananas-Lassis und erklärte, dass die beiden Suiten noch frei wären. Wir durften daher auch einen Blick in die Maharani-Suite werfen, ausgestattet mit Himmelbett und Marmorbad. Das stille Örtchen befand sich in einem Erker mit großem Fenster und tollem Blick auf einen kleinen Nebenfluss des Betwa sowie einige Tempel.

Anschließend gingen wir hinunter in Richtung Betwa, der die Grenze zwischen Utter Pradesh und Madhya Pradesch bildet. Am Parkplatz vor dem „Orchha Viewpoint“ hatte gerade ein Reisebus mit etwa 30 Indern gehalten, die gleich fast alle in allen erdenklichen Konstellationen Selfies mit uns machen wollten und auch bekamen. Wir folgten dann weiter der Straße, die rechts von Häusern gesäumt war und links von Bretterverschlägen mit Decken und Planen. Die Bewohner hatten ihr bescheidendes Warenangebot ausgelegt, während ihre kleinen Kinder mit einem Pritschenwagen spielten und dabei einen vergnügten Eindruck machten. Am Ufer angekommen, standen wir vor einer schmuck- und geländerlosen Betonbrücke, die über den schnell fließenden Fluss führte und vielen Indern als Badesteg diente, die sich im Wasser abkühlen wollten.

Als es gegen 20 Uhr ein paar Grad kühler war, gingen wir zum Abendessen. Im Palast lief gerade die Sound&Light-Show mit spärlichen Lichteffekten und opulentem Ton, den wir uns mit den betont emotional vorgetragenen Dialogen auch als Bollywood-Hörspiel hätten vorstellen können. Auf dem Weg ins Sheesh Mahal wurden wir von einem Wächter mit Taschenlampe hinter den Stuhlreihen mit dem Publikum entlang geführt. Im Restaurant wurde dann in gediegener Atmosphäre Hähnchen aus dem Tandoori-Ofen mit Reis und Garlic Nan für 500 INR pro Person serviert.

Auf dem Rückweg sahen wir auf dem Platz vor dem Raja Ram Mandir etwa 50 ärmliche Gestalten, die sich dort mit ihren schimmernden Sammelschalen auf den Boden gelegt hatten. Dazwischen hatten sich auch einige Kühe eingefunden, die sehr rücksichtsvoll behandelt wurden, selbst wenn sie sich mitten in den Weg gelegt hatten. Ein Exemplar, das sich an den Melonen vergreifen wollte, die an einem Stand gerade weggeräumt wurden, bekam allerdings einen kräftigen Tritt in den Allerwertesten, worauf sich das Tier klaglos trollte.

Der Blick aus dem Jahangir Mahal-Palast auf den kleinen Ort Orchha, mit dem erhöht gebauten Chaturbhuj Tempel .

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