6. Tag

Da wir zusammen mit einer indischen Familie die einzigen Gäste waren, gab es kein Frühstücksbuffet und wir durften à la carte bestellen was wir wollten. Anschließend gingen wir zur etwa 500 m entfernten westlichen Gruppe der 1.000 Jahre alten Tempel, die zum UNESCO-Weltkulturerbe und zu den bedeutendsten Kunstwerken ganz Indiens zählen. Sie sind aber vor allem für eine relativ kleine Anzahl von Reliefs mit Figuren in eindeutigen (Dar-)Stellungen bekannt. Von den insgesamt 85 Tempeln stehen heute nur noch 25, zehn davon gehören zur westlichen Gruppe in einem hübschen Park, den wir für 600 INR pro Person besichtigten. Im Park waren nur etwa 50 Inder und außer uns ein weiterer westlicher Tourist unterwegs. Beim Rundgang stellten wir fest, dass viele der Figuren beschädigt sind und auch Teile einiger Tempel einfach nur grob verputzt ohne die unzähligen filigranen Dekorelemente restauriert wurden. Dennoch könnte man Tage damit zubringen sich alle Tempel im Detail genau anzusehen.

Hält man sich hinter dem Parkeingang links, so gelangt man gleich zum Lakshmana-Tempel, erbaut von 930 bis 950 zur Hochzeit der Tempelarchitektur und am besten erhalten. Die Wände des Sanktums sind vor lauter Figuren und unzähligen architektonischen Details oft kaum noch zu sehen. Oben befinden sich die göttlichen „devas“, darunter die „mithunas“ genannten Liebespaare und unten die „surasundaris“, die schönen Mädchen, sowie die ersten erotischen Darstellungen. Die Figurenanordnung unterliegt also einer klaren Hierarchie. Die Darstellungen der Liebespaare gehen dabei auf die Vereinigung von Shiva und Parvati zurück, die die Vereinigung von Himmel und Erde symbolisiert. Die „Sex-Szenen“ haben also ursprünglich eine religiöse und sogar göttliche Bedeutung. Zudem sind sie immer im Zusammenspiel mit der Enthaltsamkeit, der Askese, zu sehen. In Zeiten des Internets sind die Darstellungen für westliche Besucher längst kein „Skandal“ mehr, für viele Inder, die in Bollywood-Filmen bis heute nicht mal Kuss-Szenen zu sehen bekommen, allerdings sehr wohl. Mit der zunehmenden Islamisierung im 12. Jahrhundert und nach dem Ende des Chandella-Reiches wurde die Erotik in der indischen Kunst aber wesentlich subtiler dargestellt. Schminkdosen waren beispielsweise weibliche Symbole und Schminkstifte männliche, während Langhalsflaschen oder Wasserpfeifen als Lingams zu verstehen waren, Symbole des männlichen Geschlechtsteils.

Im Figurenfries der Plattform des Lakshmana-Tempels sind ringsherum hunderte von Elefanten, Pferde mit Reitern und vieles mehr zu sehen. An der Seite zum Matangeshvara-Tempel hin, der etwa zeitgleich erbaut wurde und außerhalb des Parks liegt, finden sich weitere sexuelle Szenen, auch eine Kopulation mit einem Pferd. Der benachbarte Matangeshvara-Tempel ist heute wie schon vor 1.000 Jahren noch immer das Ziel von Pilgern, die Shiva verehren. Dieser ist im Inneren als 2,5 m hohes Lingam präsent.

Läuft man im Park am Lakshmana-Tempel und dem kleinen Café vorbei geradeaus, kommt man zu einer großen Plattform mit den drei Tempeln Kandariya-Mahadeva, Mahadeva und Devi Jagadambi (v.l.n.r.). Der um 1050 errichtete Kandariya-Mahadeva zählt zu den wichtigsten Nachfolgebauten des Lakshmana und gilt als der schönste des Ortes. Er weist eine noch größere Vielfalt an Figuren und erotischen Darstellungen im Fries und den Mittelregistern auf. Dort sind Paare in akrobatisch anmutenden Vereinigungs-Positionen zu sehen, meist mit Hilfestellung. Bei den später erbauten Jain-Tempeln finden sich dagegen nur noch wenige solcher Darstellungen und oft gibt es sogar mehr Götterfiguren als schöne Mädchen.

Im Hotel hatte in der Lobby auch ein Bildband über Khajuraho gelegen, mit vielen Schwarzweiß-Fotos aus dem Jahr 1978. Damals hatten die Tempel der Westgruppe noch recht untouristisch einfach inmitten der Häuser des Dorfes gestanden. Später hatte man die Gebäude rund um die Tempel dann abgerissen und stattdessen den kleinen Park angelegt.

Die meisten Tempel ließen die Herrscher der Chandella-Dynastie in nur 70 Jahren zwischen 950 und 1020 errichten. Denn Khajuraho war ab dem 9. Jahrhundert für gut 300 Jahre die religiöse und kulturelle Hauptstadt des Chandella-Reiches. Die Chandella waren ein Rajputen-Klan, der sich um 950 in Gwalior niederließ. Nach dem Niedergang der Dynastie im 12. Jahrhundert wurden die Tempel aber kaum noch oder gar nicht mehr genutzt und von Pflanzen überwuchert. Der politisch, militärisch und wirtschaftlich bedeutungslos gewordene Ort lag abseits aller Wege und blieb somit auch während der islamischen Invasion in Nordindien unzerstört. Im 18. und 19. Jahrhundert wohnten in der einstmals bedeutenden Stadt allerdings nur noch etwa 300 Leute. Die Tempel wurden erst im 19. Jahrhundert von den Briten „wiederentdeckt“. Heute leben die 25.000 Einwohner Khajurahos hauptsächlich vom Tourismus.

Nach unserem Rundgang handelten wir an der Straße vor dem Park mit einem Tuk Tuk-Fahrer aus, dass er uns für 200 INR zur Gruppe der östlichen Tempel bringen sollte, die verstreut in Khajuraho Village standen und keinen Eintritt kosteten. Nach vier Haltepunkten sollte es zurück zum Hotel gehen. Zuerst steuerten wir den kleinen Brahma-Tempel am Ufer eines Teichs am Dorfrand an. Es folgte der Vamana-Tempel, der Vishnus fünfter Inkarnation als Zwerg Vamana gewidmet und mit 3.000 Figuren vergleichsweise sparsam dekoriert ist. Als drittes besuchten wir den Javari-Tempel, der auf einer Wiese inmitten von Rindern und Schweinen steht. Vor der Tempel-Plattform mit üppig verzierten Friesen kam uns eine indische Familie entgegen, die, wie so oft, mit allen verfügbaren Smartphones Selfies mit uns machen wollte.

Wir fuhren dann weiter zu den Jain-Tempeln südlich des Dorfes. Auf dem Gelände dort stehen drei alte Tempel, ein tiefer, runder Brunnen und ein modernes Gebäude-Ensemble. Im alten Adinatha-Tempel befindet sich eine 4,5 m hohe Adinath-Statue von 1027. Den größeren Parshvanatha-Tempel und den kleineren Shantinatha-Tempel, der dem Vamana-Tempel ähnelt, schmücken viele himmlische Nymphen, die zu den perfektesten von ganz Khajuraho zählen. Als uns der junge Tuk Tuk-Fahrer am Hotel absetzte, bot er uns noch Marihuana an, das wir jedoch dankend ablehnten.

Blick in den überreich mit Figuren verzierten Parshvanatha-Tempel, der zu den Jain-Tempeln südlich des Dorfes Khajuraho gehört.

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