10. Tag

Um 9.30 Uhr wartete unser Taxi vor dem Hotel, das uns mit einem Stopp am Tempel von Ranakpur ins 280 km entfernte Mount Abu bringen sollte. Unterwegs wurde die anfangs gut ausgebaute Straße mit 100 km/h Tempolimit langsam schmaler und führte dann durch kleine Dörfer mit abzweigenden Lehmstraßen. Wir querten auch mehrere trocken gefallene Flussläufe und sahen am Straßenrand immer wieder Frauen in bunten Saris in allen Rot- und Pinktönen, die auf ihren Köpfen große Bündel Feuerholz, Schüsseln mit getrockneten Kuhfladen als Brennmaterial oder auch mit klein gestoßenem Kies als Baumaterial trugen.

Nach 165 km erreichten wir in einem grünen Flusstal den Tempel von Ranakpur, der das Vorbild für die Tempel von Jaisalmer gewesen ist. Der Tempel der Jain-Religion war zwischenzeitlich für viele Jahre verlassen, wurde vom Urwald überwachsen und verfiel zunehmend, bis 1992 ein Industrieller die Restaurierung in Angriff nahm, für die 200 Arbeiter elf Jahre benötigten. Seit 2003 zieht der Tempel nun Busladungen von Touristen an.

Errichtet wurde er im 15. Jahrhundert in 60-jähriger Bauzeit und ist Adinatha geweiht, dem ersten Tirthankara des gegenwärtigen Halbzyklus in der Jain-Kosmologie. Tirthankaras oder „Furtbereiter“ nennt man die geistigen Führer der Jain-Religion. Sie sind die Mittler zwischen der materiellen und der spirituellen Welt.

Obwohl die Jain das Streben nach Besitz ablehnen, hatte die Gemeinschaft genug Mittel für den Bau des Tempels aus rosa Marmor zur Verfügung gehabt. Auch die Besitzer unseres vegetarischen Hotels in Jodhpur waren erfolgreiche Geschäftsleute und Jain gewesen.

Weltweit hat die Jain-Religion zwar nur 12 Millionen Anhänger, ist in Indien aber sehr einflussreich. Mahatma Ghandis Mutter war zum Beispiel eine Jain und die Methode des gewaltlosen Widerstands, die Ghandi propagierte, war auch aus dieser Religion abgeleitet. Wobei der Einfluss Ghandis auf die Unabhängigkeit Indiens 1947 viel geringer war, als vielfach behauptet, denn die Briten waren durch den zweiten Weltkrieg sehr geschwächt worden und deshalb in ihrer riesigen Kolonie weniger durchsetzungsfähig gewesen.

Der Tempel von Ranakpur zählt heute wieder zu den schönsten Rajasthans. Er hat eine Fläche von 4.000 m2 und wird von 1.444 Säulen getragen, von denen keine der anderen gleicht. Durch die luftige Konstruktion hat man immer auch ein Stück Himmel im Blick und im Tempel sorgen die wechselnden Lichtverhältnisse für eine besondere Atmosphäre. In den Haupthof ist zudem ein 600 Jahre alte Rayan-Baum, ein heiliger Baum, integriert.

Auf der Weiterfahrt wand sich die Straße in die Hügel empor und die Vegetation wurde zunehmend urwaldähnlicher. Man dachte unwillkürlich an Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“. Dazu trugen auch die Gruppen von Hanuman-Languren bei, die auf den Begrenzungsmauern der Straße saßen. Zudem passierten wir ein Schild, das zum Schutz der Heimat der Kragenbären aufrief. Schließlich erreichten wir die NH 27. Den gut ausgebauten National Highway überspannten Schilder, auf denen stand: Nach den weltbesten Standards von der indischen Regierung gebaut. Die je zwei Fahrstreifen in beide Richtungen waren durch einen erhöhten Mittelstreifen getrennt. Auf der Straße war eine illustre Gesellschaft aus Kühen, Fußgängern, Tuk Tuks, LKW und allen anderen Typen von Fahrzeugen unterwegs. Weil es nur wenige Wendestellen gab, fuhren viele Tuk Tuks einfach mit eingeschaltetem Warnblinker auf der Standspur gegen die Fahrtrichtung. Auch einige Jeeps waren auf diese Weise sogar mitten auf einer der Fahrspuren unterwegs. Was in Deutschland eine Geisterfahrerwarnung im Radio ausgelöst hätte, ließ unseren Fahrer völlig kalt.

Als er auf den letzten 28 km mit halsbrecherischen Überholmanövern die enge und kurvenreiche Straße nach Mount Abu hinauf gerast war, erreichten wir schließlich um kurz nach 18 Uhr in der Dunkelheit die kleine Hill Station mit 24.000 Einwohnern in den über 1.700 m hohen Aravalli-Bergen. Ehemals „very british“, wovon zum Beispiel noch das Connaught House zeugt, das nun ein Luxushotel beherbergt, ist der Ort heute ein Ziel des indischen „Massentourismus“, insbesondere von Paaren auf Hochzeitsreise. Die Hauptstraße ist daher von Fast Food-Restaurants, von indisch bis Dominos Pizza, und Geschäften mit schrill bunten Leuchtreklamen gesäumt. Am kleinen Nakki-See gibt es natürlich einen Bootsverleih und ein paar Kilometer außerhalb sogar „Lucky’s Celebrity Wax Museum“ mit über 50 Figuren, vom Premierminister Narendra Modi bis hin zu Lionel Messi, sowie einem 9D-Kino, einem Horror House und anderen Sensationen.

Der Tempel von Ranakpur ruht auf 1.444 Säulen, die in Bildern die asketische Lehre von Mahavira erläutern, dem Schöpfer der Jain-Religion.

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