5. Tag

Wir fuhren zunächst wieder nach Colle di Val d’Elsa und machten dort einen Abstecher zum „Parco Fluviale Alta Val d’Elsa“, wo es einen schönen Uferweg geben sollte. Der Elsa war mit seinen kleinen Stromschnellen auch nett anzusehen, der Park erstreckte sich aber zunächst nur wenige Meter beiderseits des Flusses, denn dieser fließt auf dem ersten Stück durch ein kleines Tal, das von Häusern, Werkshallen und Gemüsegärten gesäumt ist. Das Wasser ist auch längst nicht so sauber, wie etwa in England in den hübschen Dunsford Woods oder im Dedham Vale.

Als wir mittags nach San Gimignano weiterfuhren, begann es wieder zu regnen. Die kleine Stadt ist eines der beliebtesten Ausflugsziele der Toskana. In der zweifellos sehenswerten Altstadt gibt es daher nur Geschäfte, die sich mit Wurst, Käse, Nudeln, Wein, Lederwaren, Keramik und vielem mehr ganz auf die Touristen eingestellt hatten. Wobei die Verkaufsräume oft sehr liebevoll dekoriert waren, etwa mit ganzen kiloschweren Schinkenkeulen, die von der Decke baumelten, oder ausgestopften Wildschweinen als Dekor. Trotz des schlechten Wetters drängten sich viele Reisegruppen auf der schmalen Hauptstraße des Ortes mit nur knapp 8.000 Einwohnern. Da macht man sich dann schon Gedanken über die Auswirkungen des global immer weiter wachsenden Tourimus und ist dabei selbst Teil des Problems. Verlieren Orte so völlig ihren Charakter und werden zur bloßen Kulisse für Besucher? Wie kommen die Einheimischen mit den steigenden Preisen zurecht und welchen Schaden nehmen Bausubstanz und Natur durch die Besuchermassen des „Overtourism“ ? Ein Artikel auf der Homepage der Süddeutschen berichtete passend dazu über den italienischen Historiker Marco d’Eramo, der sich mit dem touristischen Zeitalter beschäftigt und ein Buch darüber geschrieben hat. So habe sich bereits Mark Twain 1867 in seinem Buch „Innocents abroad“ über die Verwandlung der Welt in Sehenswürdigkeiten lustig gemacht. Zehn Jahre zuvor hatte zudem der Brite John Ruskin über die Zerstörung von Städten und Landschaften durch ihre enthusiastischen Besucher geklagt. Weitere 40 Jahre früher hatte Stendal bereits darüber berichtet, dass die Engländer und Russen Florenz zu einem „Museum voller Ausländer“ machten. Laut d’Eramo bedeutet die Auszeichnung von etwas Echtem und Alten, etwa durch die UNESCO, heute diesem Ort endgültig den Garaus zu machen oder ihn, genauer gesagt, „durch ein touristisch genutztes Remake seiner selbst zu ersetzen“. Ergänzend dazu stand auf Spiegel Online ein Bericht über die Nationalparks der USA, die Tickets für bestimmte Regionen oder Strecken, stark limitieren und nur noch verlosen, um die Tiere und die Natur dort zu schützen. Etwa die PKW-Permits für die Straße im Denali-Nationalpark in Alaska.

Trotz all dieser Überlegungen war in San Gimignano dann auf der Piazza della Cisterna natürlich auch für uns der Besuch in der Gelateria di Piazza von Eisweltmeister Sergio Dondoli Pflicht. Um von dessen gutem Ruf zu profitieren, hatte sich die Eisdiele gegenüber den eigentlich nichtssagenden Werbespruch „The best icecream in the world“ ausgedacht, der in großen Lettern an der Fassade prangte. Scheinbar sollte so beim flüchtigen Betrachter der Eindruck erweckt werden selbst die berühmte Adresse für alle Eisfans zu sein. Die Schlange war dort allerdings deutlich kürzer als beim Original. Dessen Eis können wir empfehlen, nicht nur wegen ungewöhnlicher Kreationen, wie Lichee und Rosenwasser, Safran Cantuccini mit Orangenzeste, Mandeln und Honig oder Gorgonzola mit Walnuss.

Oberhalb der Piazza hatten wir von einem Eckturm der Mauer der Ruine der Rocca di Montestaffoli einen schönen Blick auf die Dächer der Stadt und die Geschlechtertürme, von denen es einst 72 gab. Diese Casetorri waren früher die kleinen Privatfestungen der reichen Händler, die diese gebaut hatten, weil in der Stadt und der übrigen Toskana zwei verfeindete Familien miteinander konkurrierten: Die Ghibellinen oder Hohenstaufer, die dem Kaiser treu ergeben waren, und die Guelfen oder Welfen, Anhänger des Papstes. Beide bekriegten sich im 13. Jahrhundert sogar, beim Kampf um den Kaiserthron.

Heute stehen noch 15 Türme und den Torre Grossa kann man sogar erklimmen. Im Park der Rocca gab es in einem kleinen Haus zudem die Vernaccia di San Gimignano Wine Experience. Dort erfuhren wir, dass der erste Nachweis für die lokale Spezialität „Vernaccia“ aus dem Jahr 1321 stammt. Berühmt wurde der Weißwein schon Mitte des 14. Jh. durch die Novellensammlung „Il Decamerone“ des Schriftstellers Giovanni Boccaccio. In den 100 Geschichten mit für das Mittelalter neuartigen kritischen Schilderungen von Mönchen und anderen Kirchenleuten sowie erotischen Anklängen wird der Vernaccia immerhin acht Mal erwähnt. Die Erfolgsgeschichte des Weins, der so teuer war, dass ihn nur reiche Kaufleute, Aristokraten und der Papst tranken, endete im 17. Jh. jedoch durch die „Getränke-Revolution“, die viele neuentdeckte Spirituosen, wie Brandy, Wodka, Whisky, Gin oder Rum populär machte, ebenso wie Kaffee, Tee oder heiße Schokolade. Wiederentdeckt hat den Vernaccia Professor Carlo Fregola, als er 1932 auf der Suche nach alten Traubensorten war. Zu dieser Zeit kultivierten fast aller Winzer die Sangiovese-Traube für Chianti. Nur wenige waren der traditionellen Rebsorte Vernaccia treu geblieben, allerdings hautpsächlich für den Eigenbedarf. Das Besondere am trockenen Vernaccia-Wein ist seine Farbe. Er ist so klar und hell, dass man ihn für Wasser halten könnte. Eine Spezialität ist auch das toskanische Weißbrot, das ohne Salz gebacken wird. Historisch entstanden die Rezepturen, weil die Toskaner die Römer noch nie gemocht hatten und diese hohe Steuern auf Salz erhoben. Daher ließ man das Salz im Teig einfach weg und ist bis heute dabei geblieben. Geschmack verleiht dem faden Brot das Rösten über der heißen Glut, das Einreiben mit Knoblauch und das Beträufeln mit Olivenöl. Eine solche Brotscheibe ist vor allem in der Gegend um Florenz als Fettunta bekannt, andernorts als Bruschetta, auch verfeinert mit Tomatenwürfeln oder anderen Belägen. Einen Korb mit dem toskanischen Weißbrot ist zusammen mit dem Gedeck auch im Coperto enthalten, das bis heute in Höhe von bis zu 4 Euro von den meisten Restaurants erhoben wird. Während das Coperto vielerorts noch absolut üblich ist, ist es ein Trinkgeld nicht. Es wird nicht erwartet, aber natürlich auch nicht abgelehnt. In Latium, der Region um Rom herum, ist das Coperto seit 2007 sogar verboten. Die Wirte, die es dabei wohl mit der Höhe übertrieben hatten, erheben stattdessen aber nun einfach eine Servicegebühr.

Auf der Rückfahrt ins Klosterhotel kauften wir für das Abendessen dann noch eine Flasche Vernaccia, die heute schon für fünf Euro zu haben ist. Stilecht ergänzt durch ofenfrisches Baguette, aber auch typisch italienisch durch Oliven und frisch abgeschnittenen, sehr leckeren toskanischen Schinken sowie hauchdünne Mortadella-Scheiben von riesigen Würsten mit 20-25 cm Durchmesser.

Nicht nur in San Gimignano, sondern in der gesamten Toskana gibt es viele kleine Geschäfte, die Käse, Salami und Wein anbieten.

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