7. Tag

Die Burg war heute in der Hand einer Hochzeitsgesellschaft, die extra aus England eingeflogen war. Vielleicht um dem legendären britischen Regen zu entgehen. Dann war das Timing jedenfalls perfekt, denn das Wetter war heute ausnahmsweise genauso, wie man es sich im toskanischen Frühling vorstellt: Angenehme 25 °C, Sonnenschein und nur wenige Wolken am blauen Himmel. Wer sich jedoch genauer über die Reisezeit für die Toskana informiert, wird feststellen, dass im April Regentage keine Seltenheit sind.

Wir fuhren nach dem Frühstück auf der „Strada dei Castelli“ ins südliche Chianti zum Castello di Brolio, nur 7 km Luftlinie vom Castello di Meleto entfernt. Der Fußweg auf den 533 m hohen Hügel führte an einigen Infotafeln zu Bäumen und Tieren vorbei. Darauf war beispielsweise zu lesen, dass die Mittelmeerzypresse deshalb ein typischer Zierbaum der Toskana ist, weil ihre einzige Wurzel senkrecht nach unten wächst. Somit ist die Zypresse ideal zur Bepflanzung des Straßenrandes von Alleen, dabei werden die immergrünen Bäume bis zu 50 m hoch und über 200 Jahre alt. Das älteste bekannte Exemplar der sehr langsam wachsenden Olivenbäume, das auf der Insel Kreta steht, bringt es dagegen auf ein Alter von etwa 4.000 Jahren. Weitere Tafeln erklärten, dass Wildschweine und Stachelschweine, die nicht nur in Afrika und Asien, sondern auch in Südeuropa vorkommen, beide als Allesfresser eine besondere Vorliebe für Trauben haben. Möglicherweise steht Wildschwein deshalb so oft auf den Speisekarten der örtlichen Gastronomie?

Das Castello di Brolio befindet sich seit 1147 im Besitz der Familie Ricasoli, der bis 1968 auch das Castello di Meleto gehörte. Die Burg aus rotem Sandstein mit ihrem berühmten Weinkeller steht hinter grauen Travertin-Mauern. Graf Bettino Ricasoli soll 1841 die Rebmischung aus 75-90% roten Sangiovese-Trauben, 5-10% roten Canaiolo Nero-Trauben sowie einem ergänzenden Anteil aus weißen Trebbiano-Trauben kreiert haben, die für den regionalen Chianti bis heute typisch ist. Die edlen hauseigenen Tropfen können Besucher in der Enoteca am Fuße der Burg verkosten und kaufen.

Auf der Weiterfahrt entdeckten wir die „Villa di Sotto“ am Rand des kleinen Ortes Villa a Sesta. Im Verkaufspavillon am Eingang zum hübschen Garten des Restaurants klebte der Chef gerade mit Metylan-Tapetenkleister die eigenen Etiketten auf die neu angelieferte Fuhre Hauswein. Wir nahmen dann auf der luftigen überdachten Terrasse Platz, mit einer tollen Aussicht und der Silhouette Sienas in der Ferne. Mit Pici, dicken handgerollten Spaghetti aus Hartweizengrieß, und Ribollita, einer sämigen Gemüsesuppe mit Brotstücken und Olivenöl verfeinert, bestellten wir zwei Klassiker der toskanischen Küche. Beiden waren sehr lecker. Es gibt sie also doch, die guten Restaurants mit angemessenen Preisen. Das konnte auch Alexander bestätigen, der in einer grünen Cordhose mit weißem Hemd und einer Art Trachtenjacke mit einem Freund an einem anderem Tisch saß. Der promovierte Wirtschaftsanwalt im Rentenalter erzählte uns, dass er seit 30 Jahren einen Großteil des Jahres in der Toskana verbringe und sich als Gourmet und Genießer mit den Restaurants der Region bestens auskenne. Er wusste zum Beispiel, dass das kleine Restaurant „La Bottega del 30“ im Ort um die Ecke, das moderne französische Küche anbietet und dafür mit einem Michelin-Stern geadelt worden ist, wegen eines Todesfalls im Moment geschlossen sei. Nahe Gaiole empfahl er uns zudem das teure Restaurant des 5 Sterne-Klosterhotels „Castello di Spaltenna“ und das „Badia a Coltibuono“ mit kreativer toskanischer Küche in der Nachbarschaft eines Klosters. Besitzerin ist die bekannte Kochbuchautorin Lorenza de’ Medici aus der berühmten Florenzer Medici-Familie. Dann fuhr er nach einer geleerten Flasche Wein mit seinem Porsche Panamera davon. Wir steuerten nach dem Essen das 1 km entfernte kleine Festungsdorf San Gusmè an. Die perfekt restaurierte Altstadt mit verwinkelten Gassen und blumengeschmückten Naturstein-Häusern war die idyllische Kulisse für eine weitere Hochzeit. Das junge Brautpaar waren aber ebenfalls keine Italiener, sondern Niederländer. Für die Gäste war direkt vor der kleinen Kirche von der Osteria „Sira e Remino“ ein Tisch mit Getränkeausschank aufgebaut. Das Lokal hatte uns zwar der Anwalt nicht genannt, es wurde aber vom Reiseführer empfohlen, für seine solide toskanische Küche, die für 20 Euro satt macht.

Der zentrale Turm des Castello di Meleto im Chianti wurde bereits um das Jahr 1.000 herum von Benediktiner-Mönchen errichtet.

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